Leben

Das St. Paulusstift im südpfälzischen Herxheim und im oberbayerischen Neuötting - zwei christliche Einrichtungen gebaut von ihrem Gründer – Jakob Friedrich Bussereau – als Symbol für die tätige Nächstenliebe an den „Ärmsten der Armen“. Das waren für ihn und in seiner Zeit Menschen mit Behinderungen – Menschen, die noch vor kaum 150 Jahren meist gänzlich aus der Gesellschaft ausgeschlossen waren und keine Rechte hatten.

Denn im 19. Jahrhundert hat die Industrialisierung dazu geführt, den Wert eines Menschen vor allem in seiner Arbeitskraft zu sehen. Kranke Menschen oder Menschen mit Behinderungen geraten damit ins gesellschaftliche Aus. Viele Familien können kaum mehr ihre Kinder ernähren. Für kranke oder hilfebedürftige Familienmitglieder zu sorgen, bringt sie an den Rand ihrer Existenz.

Zwar entstanden bis 1900 vereinzelt staatliche Einrichtungen für “Idioten, Schwachsinnige und Epileptiker“, wie man sie früher nannte, aber das war kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

In dieser Zeit wird Jakob Friedrich Bussereau - am 2. Februar 1863 - an Mariä Lichtmess, in Hambach an der Weinstraße geboren. Er ist Sohn einer armen Tagelöhnerfamilie. Von zwölf Geschwistern muss er sechs sterben sehen. Seine Schwester Katharina ist an Epilepsie erkrankt.

Auch Jakob Friedrich ist ein kränkliches Kind. Seine Mutter Elisabeth soll für ihn gebetet haben:

„Lieber Gott, wenn das Kind gesund wird und zu gehen anfängt, dann sollst du es haben und mit ihm machen, was du willst!“

Bussereau ist ein talentierter Junge: Musik, Mathematik, Zeichnen - schon früh in der Schulzeit zeigen sich seine vielseitigen Begabungen. Und so führt ihn sein Weg - gefördert vor allem durch den örtlichen Pfarrer - vom Gymnasium, über ein Theologiestudium bis ins Priesterseminar nach Speyer.

„Warum bin ich Priester geworden? […] Weil mich eine innere Drohung, ich würde ganz und gar unglücklich werden, wenn ich anders handelte, vor jedem anderen Beruf abschreckte.“

 

Schon als Jugendlicher ist Bussereau fasziniert vom heiligen Paulus. Paulus: der Völkerapostel, der wortgewaltige Prediger und Missionar der christlichen Nächstenliebe. Allen alles werden, sich den Schwachen zuwenden, diese Worte des Apostels werden Bussereau sein Leben lang begleiten – sie werden zur Inspiration und zum Leitmotiv seines sozialen Handelns.

„Ich wurde den Schwachen ein Schwacher, damit ich die Schwachen gewinne. Allen bin ich alles geworden, damit ich wenigstens einige rette.“ (1 Kor 9,22)

Im August 1886 erreicht Bussereau sein lang verfolgtes Ziel: Von Bischof von Ehrler wird er im Dom zu Speyer zum Priester geweiht.

Seine erste Kaplansstelle führt ihn unweit seines Heimatdorfes nach Herxheim.

Priester zu sein ist für Bussereau Berufung. „Mutig, einsam, gottbefreundet“ so will er den Priesterberuf leben.

Er sucht nach spirituellen und religiösen Grenzerfahrungen. Im Alter von nur 25 Jahren legt er ein radikales Armutsgelübde ab,Er schreibt von Gebetsritualen, Fasten und Selbstgeißelungen.

Während seiner Arbeit als Kaplan wird er bei Besuchen in Familien immer wieder mit einer harten Wirklichkeit konfrontiert: Was für ihn eine bittere Kindheitserfahrungen war, ist auch harte gesellschaftliche Realität: Armut, Krankheit und Behinderung bedeuten für die einzelnen Menschen den Ausschluss aus der Gemeinschaft, oft nur ein perspektivloses Überleben.

Eine Idee findet daraufhin immer wieder Raum in seinen Gedanken. Er verspürt den Wunsch eine religiöse karitative Anstalt, ein Kloster für die von der Gesellschaft Ausgestoßenen zu gründen.

Dann begegnet er der Herxheimer Näherin Anna Maria Dudenhöffer.

Gekommen um ihr die Krankensalbung zu spenden, erkennt Bussereau in ihr eine Verbündete. Die Begegnung am Krankenbett ist für Bussereau und Anna Maria Dudenhöffer ein Wendepunkt in ihrer beider Leben. Anna Maria Dudenhöffer wird wieder gesund.

Später schreibt er über diese Begegnung:

„Als ich sie zum ersten Mal sah betete ich, ohne zu ahnen, was ich sagte: “Herr, gib mir diese und ich will dir die Welt erobern!“

„Er kam eben zur Krankenkommunion und war eben bei ihr und da ist wohl dann auch das erste Mal der Kontakt entstanden, dass man sich auf spiritueller Ebene ausgetauscht hat. Und das war glaube ich auch die Initialzündung, dass er auch gemerkt hat – da ist jemand, der schwingt … der ist auf gleicher Ebene, der denkt das genauso wie ich und der wird mit mir den Weg gehen. Ich glaube das war wirklich die Initialzündung. So beschreibt sie das auch. Das es wirklich „klick“ gemacht hat und irgendwie klar war, die zwei können den Weg zusammen gehen.“

Schon vor der Begegnung mit Bussereau steht Anna Maria Dudenhöffer als Frau voll im Leben - mit einem gut gehenden Nähgeschäft hat sie sich eine wirtschaftliche Existenz aufgebaut - für eine ledige Frau in diesen Zeiten keine Selbstverständlichkeit.

Zusammen mit ihrer Schwester Pauline, sowie Apollonia Gauly, Helene Knecht und Theresia Ohmer hatte sie sich einer religiösen Drittordensgemeinschaft (Terziarinnen des Heiligen Franziskus) angeschlossen.

Von ihrem Umfeld werden die 5 Frauen oft auch als „Betschwestern“ abgetan. Aber Bussereau ist von ihrer Spiritualität überwältigt und nimmt sie ernst.

In einer Sache haben sie allerdings noch unterschiedliche Vorstellungen: Denn Bussereau möchte kein Anbetungs- sondern ein karitatives Kloster gründen. Doch er konnte sie von seiner Vorstellung überzeugen.

Bussereau stellt sich zu dieser Zeit oft die Frage: Wozu bin ich berufen? Die Verwirklichung des Klosters in Herxheim ist sein großer Wunsch. Aber kann er das in die Tat umsetzen? Er selbst ist schließlich durch sein persönliches Armutsgelübde völlig mittellos.

Im August 1889, am Fest der heiligen Klara, hat er eine Vision, im hellsten Lichte, wie er sich Jahre später hierzu äußert.

 

„Es schien mir die schönste und würdigste Aufgabe zu sein, als Priester ein Vater der Armen, Kranken und Waisen zu werden.“

 

Überwältigt von dieser Eingebung und bestärkt durch die Unterstützung der Frauen reist er bald darauf nach Speyer zu Bischof von Ehrler um die Genehmigung für ein solches Vorhaben einzuholen.

Doch dieser weist den Vorschlag ab – vor allem auch wegen Bussereaus noch jungem Alter. Er bekommt eine 10jährige Wartefrist.

Doch noch aus einem weiteren Grund rückt der Herxheimer Plan in weite Ferne. Um seine in finanzielle Not geratene Familie zu unterstützen, ist Bussereau gezwungen, eine Pfarrstelle in Münster am Lech in der Diözese Augsburg anzunehmen.

Als Bussereau in seiner neuen Heimat eine Bleibe für ein krankes Mädchen sucht, lernt er Pfarrer Dominicus Ringeisen und dessen Ursberger Anstalten kennen. Hier sieht er schon verwirklicht, was ihm für Herxheim vorschwebt.

Bussereau gibt seine Pfarrstelle auf und beginnt in den Ursberger Anstalten als Hausgeistlicher zu arbeiten.

Anna Maria Dudenhöffer und die Frauen befürchten derweil, er würde seine Pläne in Herxheim aufgeben.

Auch auf Drängen von Anna Maria Dudenhöffer wird Bussereau im Januar 1896 – also vor Ablauf der 10-jährigen Frist - noch einmal bei Bischof von Ehrler vorstellig. Und tatsächlich – er signalisiert Zustimmung.

In Herxheim werden die Pläne Bussereaus schnell zum Ortsgespräch.

Der Gemeinderat billigt das Vorhaben. Als jedoch klar wird, dass der völlig mittellose junge Bussereau und die Frauen eine eigenständige Anstalt gründen wollen - es also keine Zweigstelle von Ursberg wird - kippt die Stimmung im Ort dramatisch. Ablehnung von allen Seiten. Man spöttelt über das vermeintliche „Bankrottunternehmen“ und fürchtet beim Scheitern des Vorhabens auf den Kosten sitzen zu bleiben.

 

„Mein Gott, was habe ich anhören müssen. Man hielt mich reif fürs Irrenhaus. Meine Wirksamkeit sei nur die Energie des kalten Wahnsinns.“

Auch in den Familien der Frauen fürchten manche um das Familienerbe.

Doch die Frauen und Bussereau lassen sich nicht einschüchtern. Anfang 1896 kaufen sie für 100 000 Mark das Grundstück ‚Auf den acht Morgen’, einer Anhöhe in Herxheim. Sie beginnen sofort zu bauen – Der Standort ist wohlüberlegt.

Bussereau schreibt:

„Wir müssen unbedingt stehen bleiben bei dem Platz auf der Höhe droben. An einem anderen Platz, besonders am Wald, verschwindet unser St. Paulusstift, wird nicht beachtet und doch muss es von der Welt gesehen werden.“

Bis der Neubau fertig ist beziehen die Frauen mit ihren ersten Pfleglingen ein Haus, das noch heute in der Ortsmitte von Herxheim steht - das Antoniushaus.

Die ersten Tage und Wochen im Antoniushaus verlangen von den Bewohnerinnen viel ab. In späteren Aufzeichnungen steht:

 

Bussereau meistert gemeinsam mit den Frauen viele aussichtslose und schwierige Situationen. Auch heute noch sprechen die Schwestern von seinem unerschütterlichen Gottvertrauen. Die Stärke seines persönlichen Glaubens kann er übertragen auf den Glauben an sein Werk.

Und auch auf seine Anhänger - Die Zahl der Schwestern und die der Pfleglinge wächst stetig. Und so wird es bald eng im kurz vorher noch leeren Antoniushaus. Die Bauarbeiten des Westflügels schreiten gut voran und so ist er schon im November desselben Jahres bezugsfertig. Um kein unnötiges Aufsehen zu erregen, ziehen in einer Nachtaktion 46 Pfleglinge und 13 Schwestern um in den Neubau, in den Westflügel des Paulusstiftes.

Die Gemeinschaft beginnt sich zu entwickeln.

Neben immer mehr Bedürftigen kommen in dieser Zeit auch die ersten Brüder dazu – sie sorgen vor allem für die männlichen Kranken, aber später auch für die Buchdruckerei.

Nach Bussereaus Willen soll sein Paulusstift - im Gegensatz zu anderen Einrichtungen dieser Zeit - allen Menschen mit Behinderung offen stehen. In der damaligen Sprache für:

„Schwachsinnige, Idioten, Kretine, Epileptiker, auch Blinde, Taubstumme, Gebrechliche aller Art, mit unheilbarem Leiden behaftete[und] Irrsinnige leichter Art“.

 

Sie alle sollen im Paulusstift ein neues Zuhause finden. Bussereau schreibt 1896 in einem Werbeprospekt:

„Die Anstalten sollen keine Fütterungshäuser sein, wo Müßiggänger heranwachsen. […] Im St. Paulusstift werden diese Leutchen – soweit dies natürlich bei ihnen möglich ist – zur Arbeit angehalten. […] Mit dem Bewusstsein, sich nützlich zu machen und etwas für den Lebensunterhalt verdienen zu können, hebt sich die Selbstachtung und der Lebensmut wieder.“

Die Leutchen, wie Bussereau sie nennt, mit einzubeziehen in den Lebensalltag, ihnen Zugang zu Arbeit, Religion und Kultur zu gewähren - das ist sein Anliegen.

Die religiöse Fürsorge der Pfleglinge steht dabei besonders im Vordergrund.

Die Glasfenster der Kapelle in Herxheim sind ein hervorstechendes Beispiel dafür. Nach Bussereaus Vorgaben und Ideen werden die Fenster von einer bekannten Glasmanufaktur aus München entworfen und gestaltet.

 

Es ist eine schwierige Aufgabe und kostspielige Sache. Doch glaube ich dass es der Zweck dieser Fenster verdient. Es soll eine Armenbibel für unsere Leutchen in Herxheim sein.

Eine Armenbibel – verständlich auch für diejenigen, die nicht lesen können. Die Fenster stellen die Grundfesten seiner Anstalt bildlich dar – Ordensschwestern spenden die geistigen und tätigen Werke der Barmherzigkeit.

Die Gründung in Herxheim wird nun von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Bussereau erhält von verschiedenster Seite Angebote weitere Einrichtungen zu gründen. Einiges muss er ablehnen, aber

innerhalb weniger Jahre folgen vier weitere Neugründungen in Neuötting (1897), Bad Bergzabern (auf dem) Liebfrauenberg (1899),Queichheim (1905) und Kirchmohr (1909).

Es ist beachtlich – innerhalb weniger Jahre hat der selbst mittellose Bussereau ein Vermögen von 591.000 Mark in den Kauf und Bau der Anstalt investiert. Hinzu kommen laufende Kosten und auch nicht jeder kann ein Pflegegeld bezahlen.

Wie konnte er das schaffen? Bussereaus Zeit- und Geldmanagement ist aus heutiger Sicht kaum zu begreifen.

„Bussereau war ein Mensch, der auf Risiko gespielt hat – und zwar ein Risiokospieler, wie wir uns das heute gar nicht mehr vorstellen können. Wir leben heute in einer Zeit, da muss man abgesichert sein. Da braucht man eine Krankenkasse, da braucht man eine Versicherung für alles Mögliche, für alle Eventualitäten. So hat Bussereau nie gedacht. Wenn er so gedacht hätte, hätte er dieses Werk nie anfangen können. Bussereau war ein Mensch, der allein von seinem Gottvertrauen heraus dieses Werk gestattet hat. Er wusste: er hat den Auftrag dieses Werk zu tun. Und wenn er von Gott diesen Auftrag hat, dann wird Gott ihm alles geben, was er dazu braucht. Nicht nur die Menschen, die er für seine Idee braucht, sondern auch die finanziellen Mittel. Und genauso war es. Es war unglaublich mit welchen Gottvertrauen er auch an die Finanzierung dieser Sache gegangen ist. Denn er war der „Friedrich mit den leeren Taschen“, wie er genannt wurde, als er hier in Herxheim ankam. Er hat zunächst Menschen gewonnen für seine Idee. Aber durch diese Menschen hatte er auch die Möglichkeit an finanzielle Mittel zu kommen. Und er konnte diese Menschen nicht nur überreden, ihr ganzes Leben und auch ihre eigene Existenz – auch die finanzielle Existenz – mit hinein zu bringen, sondern er konnte sie wirklich überzeugen, dass das ein Werk Gottes ist und dass es gar nicht anders geht, als dass ich mich da einbringe mit allem was ich habe. Und da gehörte eben auch die finanzielle Existenz dazu.“ (Pfarrer Steffen Roth)

Und trotzdem sind die finanziellen Mittel knapp.

Die eigene Buchdruckerei ist deswegen eine weitere wichtige Geldquelle für das junge Stift. Bussereau verfasst selbst Kalender und Zeitschriften wie die Antoniusstimmen. Einerseits um Geld einzusammeln, aber auch um seine Ideen zu verbreiten.

Die kollektierenden Schwestern und Brüder verkaufen die Schriften dann von Haustür zu Haustür. Bis nach Köln, bis nach München sind sie unterwegs, nicht ohne Schwierigkeiten. So liest man 1904 in der Tageszeitung von Rottenburg:

„Gewarnt wird vor kollektierenden Klosterfrauen, welche das Oberland durchwandern, namentlich auch vor zwei Schwestern aus Herxheim bei Landau, welche einen Pauluskalender verkaufen und in die Häuser gehen, auch evangelische (…) dieselben sollen unbedingt abgewiesen werden.“

Die Behinderten stehen für Bussereau in jeder Hinsicht im Vordergrund. So ist es ihm wichtig, auch technisch immer am Puls der Zeit zu sein. Bussereaus Interesse und Wissen machen das Paulusstift in Herxheim zum Vorreiter in Sachen technischer Fortschritt.

Zwar spotten die Herxheimer Bürger über die „Bauwut“ im St. Paulusstift – im Nachhinein müssen sie aber doch feststellen, dass das Stift für die Entwicklung im Ort Maßstäbe setzt.

1904 klingelt im Paulusstift beispielsweise das erste Telefon. Ein Jahr später erleuchten bereits 200 Glühbirnen die Zimmer und Gänge.– Die Menschen im Dorf hingegen leben noch weitere drei Jahre mit Petroleumlampen und Kerzenschein.

„Der Prälat Bussereau war ja, sag ich mal, technisch nicht ganz unbegabt. Wahrscheinlich begabter wie ich – ich bin’s gar nicht so. Und er hat schon eins von den ersten … die ersten Autos die waren ja noch wie eine Chaise – da hat er schon eines gehabt. Und dann ist er mal fortgefahren – musste mal irgendwo hin. Da hat er zum Bruder Petrus, den ich auch noch gekannt habe – das war sein Kutscher – Und zu dem hat er gesagt: So Bruder Petrus, jetzt brauch ich Sie nicht mehr, jetzt hab ich ein Auto. Dann ist er mal von Queichheim aus – musste er auf den Liebfrauenberg – das hat ja auch zu den Schwestern gehört und er war ja für die auch zuständig. Und da hat er es gepackt bis Ingenheim und in Ingenheim ist das gefährt dann auch nicht mehr weiter gegangen. Und da hat er nach Queichheim telefoniert: Der Petrus soll kommen mit der Chaise und soll ihn auf den Liebfrauenberg fahren.“

Das ständige Reisen, die vielen Niederlassungen - Bussereau spürt sehr wohl, dass er über seine psychischen und physischen Grenzen geht. Im Dezember 1901 schreibt er in sein Tagebuch:

 

„Der liebe Gott schickt uns wirklich Arbeit. […] Aber Vorsicht ist geboten. Es wächst mir über den Kopf.“

 

Anna Maria Dudenhöffer, die engste Vertraute Bussereaus und erste Vorsteherin der Gemeinschaft, versucht zeitlebens Bussereau zu entlasten – bis an ihre eigenen Grenzen.

Der April 1908 bringt für Bussereau und die ganze Gemeinschaft einen schweren Verlust. Anna Maria Dudenhöffer stirbt. Sie hat ihr Leben der Idee des Stifts gewidmet und konnte doch nicht mehr miterleben, wie ihr Traum von einem offiziell anerkannten Orden Wirklichkeit wird.

Die offizielle Anerkennung seiner Gemeinschaft ist für Bussereau sehr wichtig. Denn für ihn steht es außer Frage, dass das Leben im Stift nur in Form einer klösterlichen Gemeinschaft gelingen kann. Nur durch eine Gemeinschaft im Glauben könne das Pflegepersonal die Kraft und Energie schöpfen, für den anstrengenden und entbehrlichen Beruf der Pflege.

Aber das soll noch ein langer Weg werden. Denn Bischof von Ehrler ist vorerst nicht mit einer Klostergründung einverstanden.

1905 stirbt der Bischof. Mit seinem Nachfolger Konrad von Busch kommt nur scheinbar wieder Bewegung in die Frage der Anerkennung der Kongregationen – weitere 8 Jahre vergehen.

Im Jahr 1913 wird Bussereau 1913 zum Prälaten ernannt. Damit erhält er – nach über 10 Jahren Bemühungen – das Signal aus Rom, dass der Anerkennung der Kongregationen nun nichts mehr im Wege steht.

 

Im August 1913 wird dann die Stiftungsurkunde unterschrieben. Endlich erhalten die Kongregationen der Schwestern und Brüder des heiligen Paulus die offizielle Anerkennung. 1914 werden die 114 Schwestern und 27 Brüder feierlich eingekleidet. Man scheint am Ziel.

Doch die Welt steht am Beginn einer Katastrophe. Der Erste Weltkrieg bricht aus. Und dieser Krieg findet nicht nur auf dem Schlachtfeld statt.

Er schlägt tiefe Wunden in die klösterliche Gemeinschaft.

Das Stift wird als Lazarett genutzt. Die Schwestern und Brüder müssen

neben der Pflege der Behinderten insgesamt 5500 kriegsverletzte Soldaten versorgen.

Kein Raum für das eigene spirituelle Leben. Selbst der geschützte Raum der Klosterklausur wird teilweise für Verletzte zugänglich gemacht.

Die Brüder werden zum großen Teil eingezogen, einige Schwestern

verlassen die Gemeinschaft wieder. Bussereau sieht sich vielen Vorwürfen ausgesetzt. Es scheint fast, als würden die jungen

Kongregationen die Konflikte und immensen Anforderungen nicht überstehen.

Doch sie überstehen den Krieg. Für Bussereau, wie für das gesamte Stift eine aufreibende Zeit. Schon seit Jahren ist er zudem gesundheitlich angeschlagen.

Im November 1915 vermerkt er unter dem Titel „Memento Mori“ - Denk ans Sterben - in seinem Tagebuch:

Kein Tag vergeht wohl, ohne dass ich meine letzte Rechnung mache.

Was sollte es werden mit diesem oder jenen Dingen, von denen ich

meine, daß ich sie in meinem Leben noch zu ordnen hätte, wie zum

Beispiel (…) die richtige Leitung des Paulusstiftes, was Zeit braucht.

Zeit die er nicht mehr bekommt. Am 2. Juli 1919 – kurz nach Ende des 1. Weltkrieges, erliegt Jakob Friedrich Bussereau mit nur 56 Jahren in Bad Bergzabern einem Herzleiden.

Der jahrelange Kampf um Anerkennung, die unablässige Arbeit und Sorge um die Existenz seiner Einrichtungen, die ständigen Reisen und letztendlich die Kriegsjahre, das alles fordert seinen Tribut.

Er hat seine eigenen Grenzen zeitlebens ausgelotet - und er war sich dessen mehr als bewusst:

 

Man hat mir ins Gewissen geredet, mir raffinierten Selbstmord vorgeworfen. Aber es ist nicht Ruhe geworden im Herzen. Ewiges Heimweh, unstillbares Heimweh, brennendes Heimweh …“

 

Bussereaus Tod war ein Schock für die Schwestern und Brüder, denn sein Werk war zwar finanziell gefestigt, es war ideell gefestigt, aber es war noch nicht verwirklicht bis in die letzten Ideen hinein.

Die Leitung des Paulusstifts übernimmt nach Bussereaus Tod Theresia Ohmer, eine der Gründungsschwestern. Sie meistert vor allem die schwierige Aufgabe der finanziellen Nachlassregelung, die Weiterführung des Stifts.


Für die Anfänge der Behindertenarbeit- in der Region und auch in ganz Deutschland -hat Bussereau maßgeblich Akzente gesetzt, er hat sie mitgeprägt und mit gestaltet; Pionierarbeit geleistet.

Ziel seiner Vision war damals bereits die Inklusion, die Einbeziehung der Menschen mit Behinderung in die alltägliche Lebenswelt der Gesellschaft.

Nicht Menschenklugheit, nicht Willensenergie, nicht

Genie und noch viel weniger das Geld, sondern die Liebe,

die echte, wahre tätige Gottes- und Nächstenliebe, das

ist das Element, durch welches das traurige Angesicht der

Erde erneuert werden soll zum Staunen der ungläubigen Welt.

Das St. Paulusstift hat schwierige Zeiten überdauert und ist auch heute noch ein fester Bestandteil von Herxheim, Neu- und Altötting und den jeweiligen Regionen. Doch die Strukturen der Einrichtungen haben sich merklich verändert.

Die Schwestern und Brüder haben sich aus der Pflegearbeit gänzlich zurückgezogen. Die Arbeit mit den Behinderten übernimmt heute ausschließlich die 2002 gegründete Jakob-Friedrich-Bussereau Stiftung.


Text: Grundlage für den Film "Jakob Friedrich Bussereau - einsam - mutig- gottbefreundet - Pionier der Behindertenarbeit" zusammengestellt von Rosa Tritschler 2013.